Ich kann nicht darüber entscheiden, welchen Menschen und Aufgaben ich im Leben begegne.

Ich kann darüber entscheiden, wie ich ihnen begegne.

 

Mit 20 wusste ich ganz genau, was ich sollte

und noch viel besser, was ich wollte.

Ich fragte nicht nach dem Preis dieser Welt -

mir gehörte alles - auch ohne Geld.

Komplexe? Überließ ich den Schwächlingen!

Mit unbändigem Herzen zerriss ich jegliche Schlingen.

Von grässlichen Geistern und grausamen Gespenstern,

hörte ich nur aus anderer Leut`s Kellern.

 

Da kam das erste dunkle Liebesweh,

hinterließ einen roten Fleck im klaren See.

Und im mutigen Herz einen zartbangen Riss,

kleine Geisterkinder krochen aus der Finsternis.

Doch der Trübsinn ließ sich rasch verjagen,

der Intellekt fand vernünftigen Trost.

„War alles nur ein Scherz.“, schien er zu sagen,

„Ob Äpfel oder Birnen, bleibt ja doch alles Obst!“

 

Mit 24 dann

kam das erste Wunder in meinem Leben an.

Ein Paar wissende kluge Augen umrahmt

von durchsichtigen Filigranohrmuscheln.

Passé aller Widerstand, das Ego erlahmt.

Mein Herz schwoll an, es wuchs und wuchs

mit jedem leisen, winzigen Atemzug.

Ein Spinnennetz von Rissen es durchzog,

denn eingeflochten mit dem Glück die Furcht.

Das Wunder könnte entschwinden einfach so -

oder zu Schaden kommen - welch ungeahntes Risiko!

Doch statt dessen folgte noch ein weiteres;

ein Zauber, so einzigartig wie vollkommen.

 

Plötzlich war ich über 30.

Meine starken Eltern standen am Gleis 4, Bonn Hauptbahnhof.

Klein und blass, fast durchscheinend klar,

verloren und schwach – wie bizarr!

Ich wollt sie beschützen vor jeglicher Gefahr

und war doch nur Tochter und Kind.

Der Rollentausch schleichend beginnt.

Meine Eltern modellierten einst meinen rot pulsierenden Vorhof.

 

Mit über 40

weiß ich weder was ich soll und sollte,

schon gar nicht, was ich will und wollte.

Man „möchte“ vielleicht zaghaft – dann und wann?

Ich rauf mir das noch dichte Haar.

Dort finden sich zwar Silberfäden hier und da,

doch die ergeben noch lange keinen Schatz

in der randvoll gestopften Lebenstruhe,

in der ich zu ertrinken drohe – Satz für Satz.

Derweil verscheuch ich mit der linken Hand

noch ein paar Monster vom eigenen Schreibtischrand.

Mit 13, sagt man,

sei man weder Fleisch noch Fisch.

Doch was bin ich?

Das Herz der jungen Frau schlägt treu in Pflicht,

ein rätselhafter Kokon voll Kostbarkeit.

Doch stolpert es manchmal heftig

über schmerzhaft Erlebtes und Weltenleid.

Der leichte Sinn ist von Erfahrung getrübt

und weise Gelassenheit noch gar nicht in Sicht!?

 

Nun ruhig. Sie braucht wohl an die 50 Winter…?

Geduldig wartend flackert sie auf, mal hier, mal dort,

wenn Lachen sich formt und Schweigen durchbricht,

wenn Fellknäuelschnurrer beginnen zu treten ihr Wort,

das Spiegelungetüm mir zwinkernd die Freundschaft verspricht,

wenn Regenbogenschönheit Tristesse beraubt,

und des Mannes Kinn langsam kratzig ergraut,

während Schmunzeln vernehmlich den Zank vergrault

und Sein das Ende einer Suche erlaubt.

 

 


 

 

 

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